USA-September 2022

 

Nevada / Oregon / Washington State

Wildesel / Kiger-Mustangs / Abenteuer-Reiter

Nach der Recherche-Tour im November 2021 schien es durchaus möglich, einiges über die Kiger-Mustangs in den Steens Mountains von Oregon zu drehen. Um einen 45min Film abwechslungsreich zu gestalten, bedarf es mehrerer Themen. Die Kiger-Mustangs waren das vorrangige Ziel, aber es entwickelten sich neue interessante Geschichten. In Nevada die Wildesel und in Washington State ein Treffen mit den Abenteuer-Reitern Günter und Sonja. Spannende Storys für den 5. Teil der TV-Serie „Mustangs – lebende Legenden“.

 

Am 31. August 2022 führte der Flug via San Francisco nach Reno/Nevada. Vor knapp einem Jahr hat uns Jenny Lesieutre vom BLM in Nevada schon vieles über die Wildesel erzählt und wir treffen Jenny wieder gleich nach der Ankunft.

Am folgenden Tag ging es los nach Norden zur „Bonanza-Village“ – Virginia City. Unser Focus lag auf den aufgelassenen Goldmienen, die sich viele Meter tief in den Untergrund erstrecken. In Jenny´s Aufgabengebiet beim BLM (Bureau of Land Management) fällt neben den Wildpferden und Wildeseln auch die Verwaltung der Goldmienen in Nevada.

Auf der Fahrt nach Virginia City erlebten wir Wildpferde, die nahe an die Häuser und unmittelbar an den Highway herankamen und nach dürren Grasresten suchten. Dadurch kam es schon oft zu Kollisionen mit Fahrzeugen, wenn die Pferde auf die Straße kamen. Dies macht auch die Problematik sichtbar, dass die Pferde in manchen Gegenden zu viel werden und in der Wildnis nicht genug Futter finden. Das Gathering, das Einfangen der Wildpferde wurde stark reduziert und die rund 35.000 Wildpferde, die sich in freier Wildbahn der 10 Bundesstaaten, in denen Mustangs leben und noch ernähren können, hat sich drastisch erhöht. Zur Zeit sind es ca. 90.000 Wildpferde, die in den USA frei leben. Alle 4 Jahre verdoppelt sich ihre Zahl. Dies macht es so schwierig, die Überpopulation zu managen.

Das Interesse an Mustangs in den USA dürfte jedenfalls größer werden, möglichweise hat man endlich erkannt, welch großartiges Potenzial in diesen Pferden steckt – das sind schon andere Pferde: wie Jean Claude Dysli, Monty Roberts, Pat Parelli und andere Horsemen in einem Interview erklärten.“ It´s not just a horse, it´s a mustang“ – so ein Zitat von Monty Roberts.

Wurden vor 12 Jahren noch 750,- Dollar für einen jungen Mustang bei den Auktionen erzielt, waren es ein Jahr später bei meinen zwei Mustang-Stuten Demi und Topaz schon 1.800,- und bei der Auktion 2022 lag der Preis zwischen 3.800,- und 9.800,- USDollar.

Auf der Suche nach den Wildeseln, den Burros in Nevada

Am 2. September ging es los Richtung Norden. Jenny ist mit uns und nach einer guten Stunde von Reno Richtung Norden, erreichen wir Lovelock, eine kleine Ortschaft im Nirgendwo. Sand, Felsen und Salbeibusch in einer langweiligen Hügellandschaft.

Am frühen Morgen, noch bei Dunkelheit brechen wir auf. Über Schotter- und Sandwege geht es Richtung Westen. Wege zweigen ab, tiefe Spuren im Sand, der Geländewagen schafft es. Die ersten Sonnenstrahlen erfassen die Bergspitzen in der Ferne und die Landschaft wirkt jetzt beeindruckend. Über einen Pass in das nächste Tal und wieder weiter zur nächsten Bergkette. Jedes mal wenn wir über einen Pass kommen, hoffe ich, dass ich doch irgendwo Wildesel erblicke, wegen ihnen sind wir ja hier. Aber nichts zu sehen, auch keine Antilopen oder andere Tiere. Nach fast zwei Stunden erblicke ich in einem weiten, baum- und strauchlosen ausgedörrten Tal eine kleine, grüne Oase. Eine der wenigen Quellen in dieser dürren, heißen Gegend. Ein paar große Bäume stehen hier und zwei windschiefe, alte Hütten. Rundherum ist grünes, üppiges Gras. Dieser kleine Bereich ist mit starkem Zaun eingefasst, sonst würde die Quelle rasch zerstört werden. Das spärlich fließende Quellwasser wird außerhalb des Zaunes in einem kleinen seichten Pool aufgefangen. Überlauf gibt es keinen, denn viel Wasser verdunstet, denn mittags hat es hier 41 Grad Hitze. Eine Eule lebt hier in den Bäumen und einige kleine Vögel sind auch zu sehen.

Wir warten im Schatten der Hütten, halten Ausschau nach Wildesel, nichts zu sehen. Wir fahren in verschiedene Täler, nirgends Wildesel. Den ganzen Tag waren wir auf der Suche, leider kein Erfolg. Am nächsten Tag das selbe Spiel, aber gegen Abend doch in der Ferne ein paar Esel, zu weit weg um sie zu filmen.

Am dritten Tag noch eine Stunde früher Aufbruch, um 4 Uhr geht es los. Diesmal haben wir Glück. Nach dem ersten Bergübergang sehe ich nicht weit vom Weg einen Wildesel-Hengst stehen – seine langen Ohren auf uns gerichtet. Kamera, Teleobjektiv, Stativ, Ton, die Film-Ausrüstung möglichst geräuschlos aus dem Auto. Ich nähere mich zwischen den Salbeibüschen, pirsche mich an, aber es hat keinen Sinn, der stolze Esel hat mich dauernd im Blick und droht. Er schießt kurz auf mich los, wiehert und stampft mit den Vorderfüßen. Läuft wieder kurz weg und steht vor mir auf einem Hügel. Einige gute Aufnahmen gelingen, bis Jenny ruft, ich sollte mich zurückziehen, denn ein Wildesel-Hengst, der seine Herde beschützt, ist meist noch angriffsbereiter als ein Wildpferd. Der bremst nicht, der donnert auf dich zu, rennt dich über den Haufen und tritt dich bist du dich nicht mehr rührst. Ich trete langsam den Rückzug an und als wir mit dem Auto weiter Richtung Tal fahren, galoppiert der Esel in kurzem Abstand neben dem Auto her. Erst nach einem Kilometer dreht er um und läuft in das nächste Tal. Wahrscheinlich hat er dort seine Herde, seine Familie.

 

Wieder warten in den alten Hütten und am Nachmittag, als es kühler wird – nur mehr 39 Grad – sehen wir eine Gruppe Wildesel zur Wasserstelle kommen und auch aus anderen Tälern kommen kleine Gruppen von Wildeseln. Wie aus dem Nichts haben wir etwa 60 Esel um uns herum in ein paarhundert Metern Entfernung. Mit dem Teleobjektiv sind sie recht gut zu erfassen und auch die Drohne stört sie nicht und es gelingen ganz gute Szenen.

 

Die Wildesel, die Burros, stehen wie die Mustangs unter staatlichem Schutz, dürfen nicht gejagt, getötet werden. Sie sind Teil der amerikanischen Einwanderer Geschichte. Die Pferde haben die Besiedelung Nordamerikas ermöglicht, die Esel wurden vor allem in Bergwerken eingesetzt, weil sie auch in die niedrigen Stollen passten und die kleinen Wagen zogen und auch beim Eisenbahnbau waren sie zu tausenden eingesetzt. Als man sie nicht mehr brauchte, wurden sie frei gelassen und sie breiteten sich vor allem in Nevada aus. Etwa 6.000 Wildesel leben heute im Westen der USA.

Nach Norden in die Heimat der Kiger-Mustangs

Jenny ist wieder von Lovelock nach Reno zurückgefahren und für Jutta und mich ging die Reise weiter Richtung Norden. 7 ½  Stunden zeigte das Navi an, um Bend in Oregon zu erreichen. Schnurgerade Straßen, kaum Verkehr, alle paar Minuten kam ein Fahrzeug entgegen. Hügelige, trockene, ausgedorrte Landschaft, kaum Tiere zu sehen, nur manchmal, weit in der trockenen Steppe ist eine kleine Gruppe von Wildpferden zu sehen. Man tut gut daran, in jeder Ortschaft zu tanken, denn es kann weite Strecken ohne Tankstelle geben und wenn auf der Karte eine Zapfsäule eingetragen ist, kann es sein, dass inzwischen ein Bäumchen aus der Hütte herauswächst. Eine Ortstafel in der Ferne, 3, 4 Holzhäuser und dann – Ortstafel Ende. So erlebt man die Strecke Richtung Norden.

Bend, die 100.000 Einwohner-Stadt am Deschutes River, Pinienwald und Parks, eine schmucke Altstadt und modernes Leben, Motels und Restaurants. Da lässt es sich gut leben. Hier waren wir schon vor 10 Monaten, um zu recherchieren und den „Mister Kiger Mustang“ zu treffen – Rick Littleton, er hat uns wichtige Tipps gegeben, wo wir die seltenen Mustangs in den Steens Mountains eventuell finden können. Rick werden wir noch treffen.

Doch zunächst fahren wir 20 Minuten weiter nach Norden, nach Redmond zum Flugplatz, um unseren schwedischen Freund aus Malmö – Tomas Linden, abzuholen. Von Tomas habe ich ja meine Kiger-Mustangs und er hat die Elterntiere von Rick Littleton. Tom ist also sehr eng mit den Kigers verbunden, züchtet sie in Schweden, doch er hat sie noch nie frei in der Wildnis erleben können. Am selben Abend großes Treffen und Abendessen mit Rick Littleton und Freunden und am nächsten Tag nochmals auf Rick´s Ranch und Treffen mit Veteranen vom BLM, die interessante Geschichten über die Kiger-Mustangs erzählten und wie sie erst 1977 in den Weiten der Steens Mountains entdeckt wurden. Dazu die spannenden Storys, wie diese seltenen Pferde überhaupt in diesen Teil des „Wilden Westens“ gekommen sind.

Früh am nächsten Morgen fahren wir zu Dritt von Bend 2 Stunden Richtung Osten nach Burns. Hier ist eine Auffangstation für Mustangs. Die Überpopulation wird jedes Jahr eingefangen und rund 800 Pferde leben hier in großen, eingezäunten Facilitys. Alleine das Heu, das hier jedes Jahr verfüttert wird, kostet an die 6 Millionen Dollar. Eine schwierige Situation, diese Wildpferde zu managen. Einerseits werden es schon zu viele in freier Wildbahn und sie finden nicht mehr genug Gras, andererseits sollten sie nicht hinter Zäunen eingesperrt werden und sie verursachen hohe Kosten in Gefangenschaft. In der Facility gibt es keine Kiger-Mustangs, sie werden nicht eingefangen. Die gleichbleibende Zahl dieser Wildpferde wird in der Wildnis durch Pumas und Wölfe geregelt.

Brad, der Sattelmacher

Außerhalb von Burns liegt die Ranch von Brad Mastre. Eine Rinderfarm und in einem kleinen Ranchhaus abseits, Brad´s Schmuckstück – seine Sattlerei. Brad hat pro Jahr 4 Western-Sättel in Arbeit. Alles handgemacht und eine 100 Jahre alte Leder-Nähmaschine funktioniert noch immer. Brad erklärt die vielen Schritte, um aus dem starken Herman-Oak-Leder einen Sattel mit den typischen eingravierten Mustern zu gestalten. Bei etwa 6.000,- Dollar beginnt der Preis so eines Kunstwerkes.

Die Jenkins-Ranch

Die Ranches, die Rinderfarmen in diesen Gebieten sind meist viele hunderte Hektar groß. Die Rinderherden sind weit verstreut und sie brauchen auch so viel Platz, denn das Gras ist spärlich. Eine der ersten Ranches im südöstlichen Oregon ist die Jenkins-Ranch. Die betagte Rancherin hatte vor vielen Jahrzehnten die Möglichkeit, einen Helikopter zu erstehen. Sie erzählt angeregt über ihre Zeit als Cowgirl, die ihre Rinder mit dem Hubschrauber zusammentreibt. Der nächste Laden für Lebensmittel liegt eine Autostunde entfernt und der nächste Nachbar ist auch 16 Meilen weit weg.

Die Kiger-Mustangs in den Steens Mountains von Oregon 

Eine Stunde Richtung Süden führt die Straße meist schnurgerade, doch dann erkennt man in der flimmernden, heißen Luft in der Ferne eine Bergkette auftauchen – die Steens-Mountains und hier in den Bergen soll auch die Heimat der Kiger-Mustangs sein. Die Straße windet sich jetzt durch kleine Täler, über Bergrücken und es beginnt eine schöne Abwechslung in der sonst flachen Gegend. Eine urtümlich anmutende Lavalandschaft beginnt und hier sind Vulkankegel, tiefe Spalten im Lavagestein und es sieht aus, als ob vor wenigen Jahren erst Vulkane ausgebrochen wären. Schließlich erreichen wir „Diamond“. Die kleine „Stadt“ besteht aus 6 Häusern – eine Farm und ein altes Hotel aus Holz. Unweit von hier beginnen die Hügel und weiter die sanft ansteigenden Berge.

Diamond, der Ort, wo vieles begann – mit den Kiger-Mustangs. Das kleine Hotel hat ein paar Zimmer, ist sehr urig eingerichtet, eine Dusche für alle und abends etwas Hausgemachtes zum Essen – und mit viel Flair. Die Besitzer – David Thomson und seine Schwester Gretchen. Sie haben auch eine Rinder-Ranch unmittelbar daneben und schaukeln den Betrieb im Familienverband. Gretchen´s Vorfahren kommen aus Dänemark und nach Erzählungen waren sie die ersten Einwanderer in dieser Gegend. Ann Kiger gründete die Ranch und das Tal wurde nach ihr – Kiger Valley genannt. Die hier in der angrenzenden Bergwelt der Steens Mountains Ende der 70er Jahre entdeckten Wildpferde wurden daher – „Kiger Mustangs“ genannt.

Ermutigt durch die erste Begegnung vor 10 Monaten mit Kiger-Mustangs, versuchten wir wieder in diese Bergregion mit dem Geländefahrzeug vorzudringen. Nicht einfach, aber nach über zwei Stunden waren wir wieder in dieser Gegend und hofften auf Wildpferde. Wacholder-Baumgruppen und etwas dürres Gras zwischen den Lavasteinen. Wie können hier Pferde leben? Fast kein Gras, schroffes Gestein, Felsen und weit und breit kein Wasser. Später haben wir kleine Quellen und kurze Rinnsale entdeckt und Hufspuren, aber keine Pferde. Drei Tagen dasselbe – keine Pferde.

Ich habe mit Kico, dem Cowboy auf der Diamond Ranch vereinbart, dass er mit uns und seinem Extrem-Geländefahrzeug in Gegenden fährt, wo eventuell Kiger Mustangs zu entdecken sind. Stundenlang ging es im Schritttempo über die Lava-Landschaft, vorbei an einzelnen Wacholder-Baumgruppen und schließlich kommen wir in einem Tal zu einigen hundert Rindern, die bei einer Wasserstelle versammelt waren.

 

Ich plaudere mit Kico, ob hier zu dieser Wasserstelle auch manchmal Kiger-Mustangs kommen oder ob sie die Rinder meiden. Während er mir erklärt, dass es schon manchmal vorkommen kann, tauchen über dem Hügel 5 Kiger-Mustangs auf, die ersten, die wir in diesen Tagen der Suche zu sehen bekommen. Für mich große Aufregung, um einige Szenen zu bekommen. Schließlich gelingt es, diese Mustangs in der Nähe der Rinder zu filmen, als sie kurz zum Wasser kommen, trinken und wieder in die Steppe hinausziehen.

Den ganzen Tag waren wir weiter auf der Suche und gegen Abend stoppt Kico plötzlich und meint – dort in der Ferne, sicher über einem Kilometer entfernt, hat er Pferde entdeckt, im Schatten der Bäume. Ich sehe gar nichts und starte die Drohne. Bei der angegebenen Baumgruppe fliege ich tiefer und plötzlich tauchen am Monitor die Köpfe von Kiger-Mustangs ein paar Meter vor der Drohne auf. Sie kommen neugierig näher und zeigen überhaupt keine Angst vor dem „Rieseninsekt“. Ich fliege langsam zurück und sie kommen nach, bis sie wieder ihren Weg gehen und über den Hügel ins nächste Tal wandern.

Tolle Aufnahmen, die hier gelungen sind und die auch zeigen, wie und wo diese besonderen Kiger-Mustangs leben. In der ersten Gruppe waren nur Dun-Farbene mit Tigerstreifen an den Beinen und breitem Aalstrich und schwarzem Langhaar. Eines davon war etwas dunkler, sonst schauten alle gleich aus. Bei der zweiten Gruppe waren 4 Dun (baigefarbige) und 2 Grullo (graufarbige). Wenigstens ein paar Szenen dieser Kiger-Mustangs, wegen denen wir eigentlich diese aufwändige Tour unternommen haben. Auch Tomas, unser schwedischer Freund war ganz begeistert und beeindruckt, die Kigers in freier Wildbahn zu erleben.

Jedoch waren es nur kleine Gruppen, die wir meist weit entfernt beobachten und filmen konnten. Es leben nur 100 bis 120 Kiger-Mustangs in den Steens Mountains. Ihre Zahl reguliert sich durch das Nahrungsangebot und wenn es niederschlagsarme Jahre sind, dann haben sie weniger Überlebenschance und vor allem die Fohlen sind betroffen. Die Predators-Pumas und Wölfe sorgen auch für die gleichbleibende Zahl der Population.

Der 6.Tag auf der Diamond Ranch, der Abreise-Tag und am Abend der Rückflug von Tomas Linden. Wir haben beschlossen, dass wir es noch einmal ganz bald in der Früh versuchen wollen, eventuell weitere Kigers zu sehen. Aufbruch um 4 Uhr, um bei Sonnenaufgang in den Bergen zu sein. Die schwer zu passierenden Stellen kennen wir schon auswendig und bei einem letzten, fast unfahrbaren Stück „Weg“ wollte ich mit dem Fahrzeug zum Schluss nichts mehr riskieren und Tom und Jutta liefen voraus.

Plötzlich kamen sie aufgeregt entgegengelaufen: „da sind eine Gruppe Kiger Mustangs zwischen den Stauden und Bäumen“. Rasch die Kamera, Tele, Stativ, Drohne etc. zusammengepackt und dann – hinter den Büschen, Wacholderstauden und abgestorbenen Bäumen sehe ich eine Gruppe Kigers, auch erstmals Stuten mit Jungen und ein prächtiger Hengst schnaubt, als er uns entdeckt. In einem großen Bogen über gefallene Bäume, über Lavabrocken und im Schutze der Stauden, versuchen wir, uns möglichst lautlos anzupirschen. Immer wieder das Stativ aufgestellt und einige Szenen drehen. Es war eine Gruppe von etwa 20 Mustangs. Wir kamen auf ca. 100 Meter heran und sie wirkten auch nicht aufgeregt, nur der Hengst lief oft von einer Seite zur anderen und ließ uns nicht mehr aus den Augen. Was für ein großartiges Erlebnis!

Über den Hügel ins nächste Tal, dann die Sensation: Von verschiedenen Seiten kamen kleine Gruppen von Kiger Mustangs und diese vereinigten sich schließlich zu einer großen Herde von ca. 80 Pferden. Hengste, die sich mit anderen anlegten, Junghengste, die plötzlich auf uns losgaloppierten bis auf ca. 40 Meter und dann schnaubten und mit den Hufen stampften. Kaum zu fassen, wir erlebten den Großteil der hier, bzw. weltweit in Freiheit lebenden Kiger-Mustangs auf einem Platz.

Schließlich zog die ganze Herde gemächlich unweit an uns vorbei und wir trauten uns nicht zu bewegen und die Kamera lief. Schließlich noch ein paar Drohnen-Luftaufnahmen, aber das beunruhigte sie keineswegs. Die tagelange Suche hat sich ausgezahlt, wir haben den Großteil der auf der Welt fei lebenden Kiger-Mustangs erleben können – in der Wildnis der Steens Mountains im südlichen Oregon.

Die Abenteuer-Reiter Günter Wamser und Sonja Endlweber in der Bergwildnis von Washington State

Nach dem großartigen Kiger-Mustang-Erlebnis in Oregon, ist Tomas Linden von Redmond nach Schweden zurückgeflogen. Wir sind nach Norden unterwegs, wieder acht Stunden in die Bergwelt der Cascade-Range im Washington State. Mit den Abenteuer-Reitern, dem Deutschen Günter Wamser und der Wienerin Sonja Endlweber haben wir vereinbart, dass wir uns nahe des Snoqualmie Pass treffen wollen. Günter und Sonja waren mit ihren 4 Mustangs und Jack Russel Terrier Leni von der Mexico Grenze bis Alaska 10.000 Kilometer sieben Jahre lang mit Zelt und Packtaschen unterwegs. Nach 2 Jahren Corona-Pause waren sie wieder auf Abenteuertour durch Nevada, Oregon und Washington und wir hofften, sie zu treffen, mit der Kamera zu begleiten und in Gesprächen und Interviews, vieles über ihr spannendes Leben zu erfahren.

Wir hatten die Koordinaten des Treffpunkts in einem Tal. Dichte Wälder, ein rauschender Fluss und dann – eine kleine Abzweigung in den Wald zu einer Lichtung. Nach wenigen Metern sah ich einen Mann nach hinten zu ein paar Pferden gehen. „Brauchst dich nicht verstecken“ rief ich ihm nach – und Günter fuhr herum, er hat nach langer Zeit wieder deutsche Worte gehört. Dann ein großes Hallo und Umarmung und Sonja kam auch entgegengelaufen und wir hatten alle große Freude und Tränen in den Augen.

Inmitten der Wildnis Washingtons haben wir unsere Freunde wieder getroffen, die mich früher schon mehrmals auf meiner Ranch in Goldwörth besucht haben. In den folgenden Tagen haben wir gedreht, wie Günter und Sonja mit den 4 Mustangs und Hündin unterwegs sind. In dichten Wäldern, die durch die langen Flechten an den Bäumen an eine mystische Welt erinnern, durch Canyons und Flüsse, an steilen Bergflanken und weiten Ebenen mit hohem Gras. Das war auch der ideale Platz um die langen Gespräche, die Interviews zu machen, denn die Pferde standen inmitten von herrlichem Futter. Die Mustangs – jeweils abwechselnd 2 zum Reiten, 2 als Packtiere, brauchen nicht angebunden werden.

Während der vielen gemeinsamen Jahre und bestandenen Abenteuer, sind sie mit den Menschen zu einer Familie zusammengewachsen. Ich war fasziniert von diesen Mustangs. Inzwischen sind sie schon um die 20 Jahre alt und nach dieser Tour, noch vor dem Winter haben Günter und Sonja diese großartigen, coolen Pferde mit dem Flugzeug nach Deutschland gebracht, um hier in Europa auch verschiedene lange Touren zu unternehmen. Vor allem ging es darum, dass diese Mustangs, weiterhin in ihrem „Herdenverband“ mit den Menschen leben können.

Nach unserem Treffen mit den Abenteuerreitern sind wir noch zum Vulkan Mt. St.Helens, der im Mai 1980 explodierte und weite Gebiete verwüstete. Der Spirit Lake wurde zu einer kochendheißen, giftige Brühe und das Gebiet wurde komplett gesperrt. 30 Jahre danach waren wir Teil einer Filmcrew, um zusammen mit einem amerikanischen TV Sender und dem ORF einen Universum-Film zu drehen. Wir waren die ersten, die in dem neu entstandenen Spirit Lake tauchen und filmen durften. Das Wasser hat sich in den 30 Jahren zu einem glasklaren See gewandelt, in dem große Forellen leben. Ein Drittel des Sees war bedeckt mit den riesigen Bäumen, die beim Vulkanausbruch in das Wasser geschleudert wurden. Am Grunde standen die Baumstämme im Schlamm oder lagen wie Micados übereinander. Eine großartige Szenerie, die wir filmen konnten. Jetzt, nach 12 Jahren waren wir wieder am Spirit Lake, noch viele Baumstämme treiben an der Oberfläche und das Gebiet um den See ist nach wie vor gesperrt, damit Wissenschaftler erforschen können, in welchem zeitlichen Ablauf die Rückkehr der Natur in diesem verwüsteten, in Asche und Lava gelegten Gebiet, erfolgt.

Rückflug von Portland nach Österreich und es folgte die Sichtung der Szenen, die Gestaltung und Schnitt der über einhundert Stunden Video-Materials und die Fertigstellung des 5. Teiles der TV-Serie – „Mustangs, lebende Legenden“.

Anfang 2023 besuchten mich Günter und Sonja auf meiner Ranch, bei meinen Mustangs und wir hatten ein paar Tage Zeit, über die einmaligen Pferde, die Mustangs zu plaudern.

Spitzenfotografin Christiane Slawik bei den Mustangs

 

Die großartige Pferde-Fotografin Christiane Slawik besuchte mich mit Martina Kiss, der Chefredakteurin des Pferde Magazines „natural horse“  im Herbst 2022 bei meinen Mustangs. Es sollte ein umfangreicher Bericht über diese Mustangs entstehen und so sind die wunderschönen, ersten Herbstbilder entstanden. Im Februar 2023 hat Christiane die Winteraufnahmen gemacht und wenn die nächsten Fohlen geboren sind, wird nochmals fotografiert.

Die Dritte der Kigermädels 

Im Herbst 2020 kamen die ersten beiden Kiger-Stuten von Schweden, von Tomas Linden, nach Österreich. Blümchen, 2 ½ Jahre und Rain 3 ½ alt. Anfang 2022 kam Donna, 3 ½ Jahre alt aus derselben Zucht zu ihren Halbschwestern.

Donna kam nach ein paar Monaten auf die Böhmerwald-Ranch zur kleinen Mustang-Herde. Rock der Hengst war hocherfreut über den Neuzugang und umkreise aufgeregt sofort Donna. Etwas zu nahe, denn er wurde von Donna regelmäßig verhaut. Besonders spannend war das Verhalten der anderen Stuten, die alle ein Fohlen mitführten. Vom schattigen Unterstand aus betrachteten sie Donna und Rock bei ihren Liebesspielen. Der Leitstute Demi gefiel das gar nicht und sie schoss aus dem Unterstand und versuchte, Donna zu verjagen. Die Situation beruhigte sich und dann, ja dann wurden die beiden, wenige Monate alten Junghengste erregt neugierig. Sie präsentierten sich stolz und kamen auf Donna in ihrer schönsten Pose zu. Doch dann, rauschten die Mütter heran, vertrieben Donna und zwangen die jungen Burschen wieder zurück in den Unterstand. Einer probierte es nochmals, Demis Sohn und jetzt wurde es der Leitstute zu viel, sie galoppierte zum unfolgsamen Sohn, biss ihn in den Hintern und staubte ihn mit angelegten Ohren zurück. Bei dem ganzen Geschehen war ich unmittelbar mit der Kamera dabei, keiner rannte mich über den Haufen und ich bekam richtig gute Szenen vom Verhalten dieser Wildpferde.

 

Tage darauf war es dann soweit. Nachdem Donna und Rock sowieso unzertrennlich waren, wurde sie auch von Rock gedeckt, sehr oft und sogar noch 3 Monate später. Die beiden gabs von nun an nur im Doppelpack, das perfekte Liebespaar. Ob Donna nun trächtig ist, wird sich weisen und die Natur wird´s richten. Vielleicht ist irgendwann ein Zwergerl an Donna´s Seite.

Blümchen und Rain im Training 

Die beiden ersten Kiger-Damen kamen noch nicht zur Herde auf der Böhmerwald-Ranch. Sie sind nach wie vor in Goldwörth bei den Quarter und Paint. Hier kann ich sie regelmäßig trainieren, im Corral oder beim Ausreiten mit einer Paintstute und die Kiger-Dame an der Leine. Das funktionierte recht gut und die Kigers lernten so viel kennen. Autos, Traktoren, Mais Erntemaschinen, Radfahrer, Leute mit aufgespannten Schirmen, schreiende Kinderwägen, Bachdurchquerungen und Silvester-Feuerwerk etc… Diese Kiger-Mustangs wurden richtig coole Pferde.

Dann das Verladen in den Hänger. Am Anfang noch mit viel Geduld und sehr rasch ging es ganz leicht. Zum Hänger hinzuführen, Führstrick über den Rücken geworfen und eine einladende Handbewegung, in den Hänger zu steigen. Ich war erstaunt, immer wieder dasselbe Spiel und nie ein Problem. Dies brauchten wir, um zum Training in die schöne, große Halle zum Pferdehof Ollmann nach Bad Leonfelden zu fahren und dort nach den perfekten Anweisungen von Heli, die Mustangs zu trainieren. Heli, ein wahrer horsemen, mit großer Ruhe und Geduld und immer ein Lächeln mit allen vier Backen. Mindestens an die 15 Trainigsstunden haben wir dort verbracht und ebensoviele am Trail Park der Stix´n Ranch in Gaspoldshofen bei Doris und Franz. Steile Stufen, über Baumstämme und Schaukel, über den Reifenstapel und durchs Wasser, durch tiefen Graben und über die Hängebrücke uvm. Das absolute Highlight nach dem Vormittags-Training war der Mittagstisch von Franz. Ihm gebühren mindestens 5 Hauben, sensationell das Essen, das er jedes mal bereitet. Manche behaupten, ich fahre nicht wegen dem Trail Training, sondern vor allem wegen Franz und seiner Speisen zu Stix´n Ranch.

Die beiden Kiger-Mustangs lernten schnell, hatten zu uns grenzenloses Vertrauen und das ist auch die Stärke der Wildpferde, wie uns in den USA die großen Pferdeleute erklärt haben. Das Vertrauen von Wildpferden zu erlangen, dauert in der Regel wesentlich länger als bei domestizierten Pferden und wenn man es richtig macht, dann haben sie grenzenloses Vertrauen und ihre Ausbildung geht dann sehr rasch und man hat enge Freunde, ein Pferdeleben lang.